Singen als
Heilmittel

Das Klavier in der Praxis ist nicht zu
übersehen. Mancher Patient mag sich im Stillen darüber wundern. Einige sprechen
mich direkt darauf an: „Sie spielen Klavier?“ – „Ja, doch hier brauche ich das
Klavier zum Singen.“ – „Zum Singen?“ – „Ja, manchmal singe ich mit Patienten.“ –
Und dann wenden wir uns anderem zu.
Einige fragen weiter: „Was singen Sie
denn so?“ – „Was der Patient mag, Volkslieder, Gospels und anderes.“ – „Früher
habe ich auch gesungen.“ – „Jetzt nicht mehr?“ – „Nein, keine Gelegenheit.“ –
„Wollen wir mal ein Lied versuchen?“ – „Was haben Sie denn so da?“
So oder ähnlich gestaltet sich der Auftakt zu
regelmäßigem Singen miteinander innerhalb eines therapeutischen Zusammenhangs,
der zunächst mit Singen überhaupt nichts zu tun hat. Es ist dies eine Form
musiktherapeutischer Arbeit, die hier begleitend zu anderen Verfahren zur
Anwendung kommt.
Für viele Menschen mit Gesundheitsproblemen ist Singen eine wunderbare Quelle
der Selbsthilfe. Darum möchte ich nachfolgend die Bedeutung des Singens näher
erläutern.
Wozu eigentlich singen?
Diese Frage ist naheliegend im Zeitalter
elektronischer Musikerzeugung. Singen scheint überflüssig geworden zu sein in
einer Zeit, in der es jedes gewünschte Lied oder Musikstück in vollendeter Form
auf Tonträgern gibt. Eine Notwendigkeit zum eigenen Singen besteht heute nicht
mehr, auch immer weniger Verlangen danach. Denn das Überangebot an
Musikunterhaltung in Radio und Fernsehen, vor allem auch die heute übliche,
flächendeckende Musikberieselung in Geschäften und Restaurants sättigt uns mit
Musik oft bis zum Überdruss. Wer möchte da noch singen?
Eines allerdings fällt dabei auf: An die Stelle
des Selber-Singens, des eigenen kreativen Tuns, ist heute das passive Hören
getreten, und zwar in einem für das Sinnesorgan Ohr bedenklichen Ausmaß.
Dem einfachen Singen – ohne Auftritte oder
Karriere – wird in unserer Gesellschaft keine besondere Bedeutung mehr
beigemessen. Das ist bedauerlich, denn Singen ist für jeden von uns von
unschätzbarem Wert. Es hat einen großen Einfluss auf unser seelisches und
körperliches Befinden.
Wie wirkt Singen?
Das eigene Singen öffnet den Zugang zum inneren
Erleben. Es ist das Seelen- und Gefühlsleben, das durch Singen angesprochen
wird. Schon das Achten auf den Atem lenkt das Bewusstsein nach innen. Die vom
Verstand beherrschten Gedanken oder Grübeleien verlieren sich dadurch
allmählich. Durch ein passendes Lied, das wegen seiner Melodie, Text oder
Rhythmus geliebt wird, bekommen innere Stimmungen einen Ausdruck. So lassen sich
z.B. Gefühle wie Freude und Dankbarkeit durch ein entsprechendes Lied intensiv
nachempfinden. Auch negative Stimmungen wie Traurigkeit, Ärger oder Verzweiflung
können durch das Singen eines passenden Liedes leichter bewältigt werden. Mund
und Atem lassen alles, was an innerem Druck hochkommen will, nach außen
abfließen. So verhindert das Singen, dass sich ein allzu starker innerer Druck
aufbaut, der zu körperlichen Beschwerden und schließlich in die Krankheit führt.
Befreiendes Singen
Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Emotionen
über Lieder ausgedrückt und sich dadurch Erleichterung verschafft. In den
sogenannten Gospels besangen Sklaven ihre Not und ihre Sehnsucht nach Erlösung.
Kirchliche Lieder haben oftmals ein ähnliches Grundthema. Doch auch andere
Lieder können Trost geben und Angst vertreiben. In vielen Volksliedern richtet
sich der Blick auf die Schönheiten der Natur, auf Veränderungen im Ablauf der
Jahreszeiten, und dieses Betrachten lässt ein Gefühl der Dankbarkeit für die
Schöpfung entstehen. Auch Schlager sind heilsam, denn sie erzählen von
glücklichen und traurigen Erfahrungen, die kaum einem Menschen erspart bleiben
und von daher gut nachempfunden werden können. Sich den Schmerz von der Seele
singen, kann Kraft geben, es mit dem Leben wieder neu aufzunehmen.
Singen bewegt den ganzen Menschen
Doch Singen wirkt nicht nur auf das seelische
Befinden, sondern beeinflusst auch die körperliche Verfassung nachhaltig. Am
Singvorgang sind viele Organe unmittelbar beteiligt: der Kehlkopf mit den
Stimmbändern, die Lunge mit dem Atem, der Mund mit Zunge, Lippen, Kiefer und
Gaumen, die Nase mit allen Räumen und nicht zuletzt das Ohr.
Tatsächlich erfasst das Singen den ganzen Körper,
denn es werden Prozesse in Gang gebracht, die sich auf den gesamten Organismus
auswirken: Die Atmung wird intensiviert, die Lungen weiten sich und werden bis
in die äußersten Winkel belüftet, mehr Sauerstoff gelangt in den Blutkreislauf,
die Durchblutung aller Gewebe wird verbessert, der Stoffwechsel angeregt und die
Entschlackung gefördert.
Der Singvorgang selbst lässt sich technisch kaum
beschreiben, denn eine Fülle unterschiedlich wirkender Muskeln ist beteiligt und
wechselt zwischen Anspannung und Entspannung. Es hat zunächst den Anschein, dass
nur die Muskulatur des Kopf-, Hals- und Oberkörperbereichs zum Einsatz kommt,
doch bei entsprechender Übung gelingt es immer mehr, durch gezielten Einbezug
des Zwerchfells, der Bauchmuskulatur, der Flanken und des Beckenraums den
Resonanzraum zu erweitern, was sich im Klang niederschlägt und auf die inneren
Organe wie eine sanfte Massage wirkt. Es ist erstaunlich zu beobachten, was
Singen bewirkt: die Haltung ändert sich, der Körper wird lockerer und flexibler,
die Körperwahrnehmung deutlicher. Singen ist Körperarbeit. Selber singen
bedeutet, nicht von außen her gelebt zu werden, sondern selbst etwas tun, sich
selber auszudrücken und zu formen über Stimme, Atem und Körper.
Welche Möglichkeiten sind doch in jedem von uns
vorhanden, die uns gut tun! Es braucht nur etwas Gespür für die eigenen
Bedürfnisse und die Bereitschaft, die inneren Räume wieder zum Klingen zu
bringen. Genau das aber ist heute, wo so viele und starke äußere Reize uns
unterhalten und (ab)lenken, nicht leicht.
Rotbuche

abgefallen
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